
[Anm. d. Red.: Dieser Artikel erschien im März 2024 bei Gesundheit braucht Politik, Ausgabe 1/24: https://www.vdaeae.de/gesundheit-braucht-politik/archiv/gbp-ausgabe-1-2024/]
Kurz nach dem Jahreswechsel fand in England der längste Streik in der 75-jährigen Geschichte des National Health Service (NHS) statt. Zwischen dem 3. und dem 9. Januar legten nach Angaben des NHS mehr als 25.000 Assistenzärzt:innen und Auszubildende der Zahnmedizin ihre Arbeit nieder.[1] Nach einem erneuten Streik vom 24. bis zum 28. Februar mussten seit Beginn der Arbeitskämpfe im gesamten NHS im Dezember 2022 mittlerweile mehr als 1,4 Millionen ambulante und stationäre Behandlungen verschoben werden.[2]
Hintergrund sind bisher unerfüllte Forderungen von Seiten der British Medical Association (BMA), einer Gewerkschaft für Ärzt:innen und Studierende. Deren Schätzungen zufolge haben Assistenzärzt:innen zwischen 2009 und 2022 im Zuge der Inflation Reallohnverluste von bis zu 26% hinnehmen müssen.[3] Um dies umzukehren fordert die BMA unter anderem Gehaltserhöhungen von bis zu 35% und einen Mechanismus, um künftige Einbußen zu verhindern.[4]
Neben dem starken Rückgang des Reallohns und hohen Schulden nach ihrem fünfjährigen Medizinstudium beklagen junge Ärzt:innen im Vereinigten Königreich und speziell in England vor allem schlechte Arbeitsbedingungen. Dienstwünsche würden häufig nicht berücksichtigt und Einsätze im Rahmen der Weiterbildung fänden oft fern des Wohnortes statt. Kurzfristige Erhöhungen der Arbeitszeit auf bis zu 48 Wochenstunden seien üblich. Mit 2% in den Jahren 2022 und 2023 und durchschnittlich weiteren 8,8% in 2023 bis 2024 wurden in England mittlerweile zwei Gehaltserhöhungen vereinbart. Während in Schottland aufgrund eines etwas lukrativeren Angebotes vor Kurzem eine Einigung erzielt werden konnte, lagen die Vorstellungen in England bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe jedoch weiterhin weit auseinander.[5]
Die konservative Regierung verweist auf die bereits vereinbarten Gehaltserhöhungen. Assistenzärzt:innen verdienen hierdurch nun je nach Weiterbildungsstufe ein Basisgehalt von 32.000 – 63.000£ (ca. 37.400 – 75.000€) im Jahr, zusätzlich kommen Schichtzulagen in Höhe von bis zu 30% hinzu. Höhere Bezüge könne sich der NHS zum aktuellen Zeitpunkt nicht leisten.
Das Gesundheitsministerium wirft den Arbeitnehmenden außerdem Rücksichtslosigkeit in Hinsicht auf die ohnehin eingeschränkte medizinische Versorgung vor. So berichteten englische Medien erst vor wenigen Wochen von potenziell tödlichen Verzögerungen in der Therapie eines Drittels aller an Krebs erkrankten Patient:innen. Trotz eines leichten Rückgangs waren im Dezember insgesamt 7,61 Millionen geplante NHS-Behandlungen ausstehend. Premierminister Rishi Sunak sah sich in Anbetracht solcher Zahlen kürzlich gezwungen, sein Scheitern in Bezug auf versprochene Kürzungen der Wartelisten öffentlich einzugestehen.[6] Im Kontext der kritischen Situation seien weitere Streiks nicht zu verantworten, so das Argument der Regierungspartei. Dass der NHS seinen schlechten Zustand auch der inzwischen vierzehnjährigen Tory-Herrschaft und fünf konsekutiven konservativen Premierminister:innen verdankt, blieb unerwähnt.
Weiterhin werden die statistischen Berechnungen der BMA in Frage gestellt. Während sich die Gewerkschaft dem sogenannten Retail Price Index (RPI; Index der Einzelhandelspreise) bedient, welcher unter anderem die Immobilienpreise mit einbezieht, wenden staatliche Institutionen wie das Office for National Statisticsseit Jahrenüblicherweise den Consumer Price Index (CPI; Verbraucherpreisindex) an. Der auf Grundlage des CPI errechnete Reallohnverlust liegt etwa 10% niedriger.[7] Das Gesundheitsministerium wirft der Gewerkschaft in diesem Kontext vor, die Forderungen mittels Rechentricks künstlich in die Höhe zu treiben.
Die BMA zeigte sich von solchen Argumenten bisher wenig beeindruckt. Der Organisierungsgrad der Assistenzärzt:innen ist im Vereinigten Königreich sehr hoch; zwei Drittel sind Mitglieder der BMA. Im Februar 2023 hatten sich 98% der an der Wahl teilnehmenden Mitglieder für Streikmaßnahmen ausgesprochen, im Vorlauf des fünftägigen Streiks im Februar 2024 konnte dasselbe Ergebnis erzielt werden. Die Gewerkschaft argumentiert vor allem mit der schwindenden Attraktivität des NHS als Arbeitgeber in einer immer flexibleren und globalisierten Arbeitswelt. So gaben zuletzt ca. 40% der Assistenzärzt:innen an, darüber nachzudenken, den NHS zu verlassen. Beklagt werden unter anderem die hohe Arbeitsbelastung durch fast 8.500 offene Stellen, Burnouts im Zuge der gestiegenen Belastung im Rahmen der Covid-19-Pandemie, veraltete IT-Systeme, mangelnde Wertschätzung und das Fehlen garantierter Essens- oder Toilettenpausen.[8] Laut BMA bestünden bei jungen Ärzt:innen außerdem Schulden von durchschnittlich 71.000£ (ca. 83.000€) zum Zeitpunkt des Berufseinstiegs. Ihre Forderungen seien erforderlich, um die Versorgungssicherheit auch in Zukunft zu gewährleisten.
Trotz der verhärteten Fronten wird nun über eine baldige Einigung nach Abschluss der vorerst letzten Streikrunde am 28. Februar diskutiert. Während die größte Oppositionspartei Labour und ihr Vorsitzender Sir Keir Starmer die Konservative Partei für die Streiks verantwortlich machen, steht auch die Seite der Arbeitnehmenden zunehmend unter öffentlichem Druck, einen Kompromiss zu erzielen. Geplante Verhandlungen waren zu Redaktionsschluss noch ausstehend. Aus der Ferne betrachtet lassen sich unerfreuliche Parallelen zu den Arbeitskämpfen im deutschen Gesundheitswesen beobachten. Auch im Vereinigten Königreich sind die unterschiedlichen Berufsgruppen in getrennten Gewerkschaften organisiert; Ärzt:innen vor allem in der BMA und Pflegekräfte im Royal College of Nursing. Zwar beteiligten sich im Vereinigten Königreich seit Dezember 2022 auch Pflegekräfte an insgesamt fünf Streikrunden.[9] Dennoch blieben Gehaltsverhandlungen und Arbeitskämpfe wie auch hierzulande weitestgehend getrennt und die Streikenden setzten sich vor allem für eine Verbesserung der eigenen Arbeitsbedingungen und Gehälter ein. Nach Jahrzehnten der Kürzungen und Privatisierungen plagen den einst stolzen NHS massive Unterfinanzierung, lange Wartelisten, Personalmangel und eine marode Infrastruktur. Bislang fehlen gemeinsame, solidarische Arbeitskämpfe aller Berufsgruppen, um wirkliche Änderungen im Sinne der Patient:innen zu erreichen.
Das Bild zum Text wurde mit einer generativen KI von OpenAI (DALL·E/ChatGPT) erstellt.
QUELLEN
[1] NHS England (2024): NHS publishes date following junior doctors strike, URL: https://www.england.nhs.uk/2024/01/nhs-publishes-data-following-junior-doctors-strike-2/, abgerufen am 25.02.2024.
[2] Aurelia Foster (2024): Junior doctors strike: Thousands more NHS appointments cancelled, URL: https://www.bbc.com/news/health-68448601, abgerufen am 04.03.2024
[3] Thomas, Rebecca (2024): Junior doctors’ strike: Why are they taking action and what are their demands? URL: https://www.independent.co.uk/news/health/junior-doctors-strike-pay-salary-demands-b2473038.html, abgerufen am 25.02.2024.
[4] British Medical Association (2024): Junior doctors guide to industrial action, URL: https://www.bma.org.uk/our-campaigns/junior-doctor-campaigns/pay/junior-doctors-guide-to-industrial-action-in-england-2024, abgerufen am 25.02.2024.
[5] Triggle, Nick (2024): What are junior doctors paid and how much to settle? URL: https://www.bbc.com/news/health-67876164, abgerufen am 27.02.2024.
[6] Rawlinson, Kevin and agency (2024): Sunak admits failure over promise to cut NHS waiting lists, URL: https://www.theguardian.com/politics/2024/feb/05/sunak-admits-failure-over-promise-to-cut-nhs-waiting-lists, abgerufen am 27.02.2024.
[7] Gausden, Grace (2024): Junior doctors’ pay: Why outdated RPI is used to calculate salary demands and how it differs from CPI, URL: https://inews.co.uk/inews-lifestyle/money/bills/junior-doctor-pay-outdated-rpi-calculate-salary-demands-cpi-2274838, abgerufen am 25.02.2024.
[8] Puntis, John (2024): Why junior doctors are striking once again, URL: https://morningstaronline.co.uk/article/why-junior-doctors-are-striking-once-again, abgerufen am 27.02.2024.
[9] Triggle, Nick (2024): Junior doctors strike for 10th time over pay dispute, URL: https://www.bbc.com/news/health-68360735, abgerufen am 27.02.2024.